Herzlichen Glückwunsch an mich selbst: Die Tinte auf meinem AdA-Schein von der Handwerkskammer ist trocken! Damit gehöre ich nun auch offiziell zum erlauchten Kreis derer, die das deutsche Ausbildungswesen retten sollen. Der Weg dorthin? Ein pädagogischer Parforceritt, geprägt von gepflegtem Bulimie-Lernen: Wissen für Termin X in rauen Mengen reinschaufeln, vor der Kammer in einer 15-minütigen Unterweisung ordentlich ausspucken und danach die mentale Festplatte für wichtigere Dinge – wie das eigene Überleben im IT-Alltag – wieder formatieren.
Wir rufen ja alle im Chor nach Fachkräften. Geht man nach den Sonntagsreden der Politik, steht die deutsche Wirtschaft am Abgrund, weil uns die Experten fehlen. Wenn man sich allerdings ansieht, was sich in den letzten Jahren so in der IT-Abteilung beworben hat, bekommt der Begriff „Perlentauchen“ eine ganz neue, eher schlammige Bedeutung. Man fischt im Trüben und hofft auf einen Glückstreffer, während man sich durch Berge von Bewerbungen wühlt, die oft mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Aber keine Sorge, wir haben ja die Ausbildungsrahmenpläne. Das Sicherheitsnetz des deutschen Staates.
Hochtechnologie aus dem Mesozoikum
Wer heute einen Blick in diese Pläne wirft, sollte vorsorglich eine Atemschutzmaske tragen – die Staubschicht ist beachtlich. Es ist ein faszinierendes archäologisches Erlebnis: Man erwartet fast, zwischen den Zeilen eine detaillierte Anleitung zur fachgerechten Justierung eines Faxgeräts als Pflichtmodul für „Fortgeschrittene Programmierung“ zu finden. Vielleicht noch ergänzt um einen Exkurs zur Reinigung von Magnetband-Laufwerken.
Während draußen die KI-Revolution die gesamte Weltordnung in Lichtgeschwindigkeit umkrempelt, pflegen wir drinnen im Lehrplan liebevoll das Know-how der frühen 2000er. Ein aktuelles Orientierungspapier zur Lage von KI im Bildungssystem kritisiert völlig zu Recht, dass wir hier meilenweit hinterherhinken. Es fehlt nicht nur an Hardware, sondern an einer tiefgreifenden Strategie, wie man diese Technologie sinnvoll integriert, statt sie nur als „schummeln“ zu verteufeln.
Hier liegt das eigentliche Sakrileg: Wer heute einen jungen Menschen stur nach Plan ausbildet, ohne die Nutzung von Künstlicher Intelligenz massiv zu forcieren, begeht im Grunde unterlassene Hilfeleistung. Wenn wir Juniorentwickler auf den Markt werfen, die zwar den staubigen Muff der Rahmenlehrpläne beherrschen und wissen, wie man ein ISDN-Kabel lötet, aber keine Ahnung haben, wie sie eine KI als produktives Werkzeug nutzen, bilden wir sie nicht für den Arbeitsmarkt aus – sondern direkt für die Warteschleife beim Arbeitsamt.
Das „Weglassen-geht-nicht“-Dilemma
Aber da ist ja noch das eherne Gesetz der Kammern, das wie ein Mühlstein um dem Hals jedes engagierten Ausbilders hängt: „Weglassen geht nimmer, zufügen immer“. Ein wunderbares Rezept für den kollektiven Burnout bereits im ersten Lehrjahr.
Wir sollen den Nachwuchs fit für den globalen Wettbewerb gegen das Silicon Valley und Shenzhen machen, müssen aber gleichzeitig sicherstellen, dass jedes Byte aus der Ära der Diskettenlaufwerke mit der gleichen Intensität durchgekaut wird. Der Lehrplan ist wie ein Messie-Haus: Es wird nichts weggeworfen, man baut einfach immer neue Anbauten oben drauf. Zeit für echte Innovation? Gerne – aber bitte erst nach Feierabend oder wenn der Azubi die 40 Stunden „Grundlagen der Lochkartentechnik“ hinter sich hat.
Die Suche nach dem goldenen Einhorn
Und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die AEVO-Lehrgänge flüstern uns von gefühlt 1.000 Möglichkeiten, wie man moderne Auszubildende findet. Das klingt in der Theorie nach einem bunten Strauß an Möglichkeiten, grenzt in der Praxis aber oft an naives Wunschdenken.
Der ideale Azubi ist natürlich über 18 Jahre alt – schon allein wegen des Jugendarbeitschutzes, denn wir wollen in der IT ja arbeiten und nicht pädagogische Aufsichtspflichten für das Mittagsschläfchen erfüllen. Er oder sie sollte Deutsch beherrschen, in Mathe nicht bei Dreisatz kapitulieren und so etwas wie eine Basis-Allgemeinbildung mitbringen.
Doch die Realität? Die schulische Vorbildung wird immer mauer. Das Problem hat tiefe Wurzeln: Experten kritisieren, dass unsere Schul-IT über Jahrzehnte ohne jedes Netzkonzept einfach „zusammengestückelt“ wurde. Wo früher zwei Computerräume für die ganze Schule reichen mussten, herrscht heute oft ein digitales Chaos, das kaum professionell zu warten ist. Wenn die Bestnote im Fach „Informatik“ darauf basiert, dass der Lehrkörper die Digitalisierung im Jahr 2004 für abgeschlossen erklärt hat, ist das Fundament der Bewerber eher Treibsand als Beton.
Zudem kommt eine Warnung der UNESCO hinzu, die man sich in jedem Ministerium an die Wand hängen sollte: Digitale Technik in Schulen darf kein Selbstzweck sein. Ohne pädagogisches Konzept dient das Verteilen von iPads oft eher den Profitinteressen der großen Tech-Giganten als dem eigentlichen Lernerfolg. Wenn wir also nur Hardware in Klassenräume werfen, ohne den Lehrern zu erklären, was sie damit anfangen sollen, züchten wir eher „Wisch-Profis“ heran, die zwar jede App bedienen können, aber keine Ahnung haben, was ein Algorithmus im Hintergrund eigentlich tut.
Solche massiven Lücken während der betrieblichen Ausbildung aufzuholen, ist ein schöner politischer Traum, der an der harten Realität des Projektalltags im Betrieb gnadenlos zerschellt. Wir sind Ausbilder, keine Nachhilfelehrer für das gesamte staatliche Bildungssystem.
Praktikum oder Pandämonium
Was bleibt dem verzweifelten Ausbilder am Ende des Tages? Das Praktikum. Es ist das einzige „Tinder-Date“ in der Arbeitswelt, bei dem man vorher sieht, ob der Partner wenigstens die Tastatur unfallfrei findet und nicht versucht, den Monitor per Touch-Geste zu bedienen.
Denn nach drei Monaten Probezeit festzustellen, dass das Ganze „einfach nichts bringt“, ist ein Luxus, den sich in der IT niemand mehr leisten kann. Man hat dann nicht nur drei Monate Zeit verloren, sondern steht für den Rest des Jahres komplett ohne Nachwuchs da.
Wenn wir international nicht nur als Freilichtmuseum für bürokratische Ausbildungsprozesse wahrgenommen werden wollen, muss sich hier gewaltig was drehen. Die Lehrpläne müssen entschlackt, die Schulen professionalisiert und der Fokus auf die Technologien von morgen – nicht von gestern – gelegt werden. Sonst programmieren unsere mühsam herangezüchteten Fachkräfte von morgen zwar wunderschön vergleichbare IHK-Lösungen – nur leider für eine technische Welt, die es schon lange nicht mehr gibt.
Quellenverzeichnis
- Heise Online (2026): Orientierungspapier kritisiert aktuelle Lage von KI im Bildungssystem. URL: https://www.heise.de/news/Orientierungspapier-kritisiert-aktuelle-Lage-von-KI-im-Bildungssystem-11160508.html
- Lankau, Ralf (2023/2025): UNESCO-Bericht zu IT in Schulen / Nach dem Rausch kommt der Kater. In: Pädagogische Korrespondenz (peDOCS). URL: https://www.pedocs.de/volltexte/2025/34107/pdf/LuL_2023_12_Lankau_Unesco_Bericht_zu_IT_in_Schulen_.pdf
- News4teachers (2026): Interview zur Schul-IT: Das Grundproblem ist das fehlende Netzkonzept. URL: https://www.news4teachers.de/2026/01/das-grundproblem-ist-dass-die-schul-it-ueber-viele-jahre-ohne-netzkonzept-zusammengestueckelt-wurde-ein-interview/
Dieser Text ist das Ergebnis einer digitalen Co-Creation: Die giftigen Grundgedanken und der gepflegte Sarkasmus stammen direkt aus meiner Feder, während Gemini mir dabei geholfen hat, den Frust in präzise, wirkungsvolle Worte zu gießen. Auch das visuelle Denkmal für unser Ausbildungsmuseum ist keine Handarbeit – das Bild wurde nach meinen Vorstellungen von Nano Banana 2 generiert.
